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Die Fabel von der kleinen Ocarina |
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Eines Tages hörte die kleine Okarina,
sie lebte in einem kleinen Dorf fern ab
von den großen Städten und Straßen,
dass ein großes Musikfest stattfinden soll.
Sie war voller Freude und wollte
unbedingt dabei sein. Aber sie war noch
nie weiter als bis zum Ausgang ihres
Dorfes gekommen, und man hatte ihr von
Kindesbeinen an beigebracht, vorsichtig
mit sich umzugehen, da sie nicht aus
Holz oder Metall, sondern aus
gebranntem Ton bestand, ziemlich hart,
aber auch recht zerbrechlich.
In diesen Tagen hörte die kleine
Okarina, dass ein Straßenhändler aus
ihrem Dorf in die Stadt fahren wollte, wo
das große Musikfest sein sollte, um seine
Waren zu verkaufen. Sie fragte den
Händler, ob er sie in die Stadt mitnehmen
könne, und der freute sich, weil er die
Okarina von Kindesbeinen her kannte
und ihr gerne den Gefallen tat.
Eines Morgens war es soweit: alles
gepackt, die Ware verstaut und los
ging´s.
Manchmal wurde der kleinen Okarina
ganz schwindelig von den vielen
Eindrücken links und rechts der Straße:
viel fahrendes Volk war unterwegs.
Derbe Scherze wechselten ab mit
Abenteuergeschichten, die die Fuhrleute
Auf ihren langen Reisen erlebt hatten.
Endlich, nach tagelanger Fahrt, kamen sie
in die große Stadt. Überall hingen
Plakate, die auf das FESTIVAL, so nannten
sie das, hinwiesen. Die kleine Ocarina
war noch ganz eingeschüchtert von der
anstrengenden Fahrt. Der Straßenhändler
setzte sie behutsam am Festivalgelände
ab und verabschiedete sich eilig, um
seinen Geschäften nachzugehen.
Nun stand die kleine Okarina
Mutterseelenallein da. Jetzt erst
bemerkte sie um sich herum ein
hektisches Treiben: überall Instrumente,
Flöten aus Holz, vom Sopranino bis
Großbass, stolzierten durch die
Landschaft; übten da eine schwierige
Stelle, diskutierten lange darüber, übten
wieder eine Passage und diskutierten
erneuet. Komisch, dachte die kleine
Okarina, die reden mehr als sie spielen.
Angenehm waren die Gitarren: leise
Akkorde wechselten mit perlenden
Läufen ab. An den Blechinstrumenten,
Posaunen, Trompeten, Flügelhörnern,
drückte sich die kleine Okarina schnell
vorbei. Einfach zu laut; sie hatte Angst
zu zerspringen. Die Streichinstrumente
mochte sie besonders gern. Abgesehen
von den etwas hochnäsigen Violinen
konnte sie Cello und Kontrabass sehr gut
leiden.
Die kleine Okarina hatte jetzt auch
allmählich alle Angst verloren. Da
wurde sie auf einmal aus ihren Träumen
gerissen, als sie unsanft von der Seite
angestoßen wurde;"Was willst du denn
hier", tönte es neben ihr.
Die kleine Okarina war überwältigt.
In gleißendes Sonnenlicht getaucht,
machte sich eine silberne Querflöte vor
ihr breit. Allein schon die Schlankheit, die
vielen Klappen, die Vollkommenheit der
silbernen Flöte, ließ der kleinen Okarina
das Herz ganz tief nach unten rutschen
und sie hauchte:"Ich will am Festival
teilnehmen." Schrill, beinahe hysterisch
lachte die Silberflöte auf."Du!? Du
kleines dickes Ding aus gebranntem
Lehm mit ein paar Löchern drin, willst
hier am Festival teilnehmen? Dass ich
nicht lache!" Und ohne einen weiteren
Blick zu verschwenden, schwebte die
Königin der Flöten von dannen.
Sterbenselend wollte die kleine Okarina
nur nach Hause. Zurück in ihr kleines
Dorf, wo sie alle kannten und liebten.
In tiefe Gedanken versunken merkte sie
gar nicht, dass eine Bratsche sich ihr
zugestellt hatte. "Sei nicht traurig", sagte
die Bratsche. "Ich kenne das. Auch ich
werde oft ein bisschen vernachlässigt, Ich
bin keine Geige und kein Cello, ich stehe
mittendrin. Wer böse ist, sagt
Lückenfüller zu mir. Aber hör dir mal ein
großes Orchester ohne Bratsche an. Das
ist wie die Suppe ohne Salz, meine Liebe.
Also Kopf hoch und durch!"
Und schon fühlte die kleine Okarina,
wie die Kraft zurück kam und damit
die Zuversicht. Das Festival war in
vollem Gange. Ganze Gruppen spielten,
dann wieder Soloinstrumente und
endlich war die kleine Okarina dran.
Nun war da eine viel zu große Bühne
mit riesengroßen Scheinwerfern in
allen Farben, die eine Hitze erzeugten, als
führe man geradewegs in die Hölle. Alle
anderen Instrumente schauten entweder
belustigt oder gelangweilt ohne großes
Interesse auf die Bühne. Die Blockflöten
diskutierten wie immer, die Kontrabässe
schliefen schon.
Auf einmal, erst ganz leise, wie vom
Wind bewegt, dann lauter
anschwellend, ertönte eine Melodie, die
aus einer ganz fernen Zeit zu kommen
schien. Und alle, die soeben noch geredet
oder geschlafen hatten oder abwesend
waren, hörten wie gebannt unserer
kleinen Okarina zu, die, in sich
versunken, Melodien aus vergangenen
Zeiten spielte und alles um sich herum
verzauberte.
In diesem Moment ahnten alle anderen
Instrumente, dass die kleine Okarina
älter ist als sie alle zusammen. Ja! Dass es
schon vor tausenden von Jahren
Instrumente aus Ton gegeben hat, und
wer richtig hinschaute, konnte sehen, wie
die hochmütige Silberflöte sich quer auf
die Wiese legte und sich sehr schämte.
Die Fabel von der kleinen Okarina
Von Johannes Schmidt
Okarinabauer
Copyright (c) J. Schmidt
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